Offener Brief
Als Organisation der Ärztinnen Österreichs sehen wir uns angesichts der aktuellen politischen Entwicklungen dazu veranlasst, unsere tiefe Besorgnis über die Lage und die Zukunft der Gesundheit von Frauen zum Ausdruck zu bringen.
Wir beobachten in Österreich und in vielen Teilen der Welt ein Aufsteigen politischer Akteure und Akteurinnen und politischer Gesellschaftsmodelle, die eine sprachliche und gesellschaftliche Verrohung salonfähig machen. Präsentiert werden vermeintlich einfache, jedoch letztlich undifferenzierte und ungeeignete Lösungen für komplexe Herausforderungen, die typischerweise mit einem Abbau hart errungener Meilensteine in der Frauenmedizin und der Frauengesundheit einhergehen.
Deshalb sehen wir mit Sorge den kommenden Jahren entgegen: Der drohende Sozialabbau, die geplanten Kürzungen der Pensionen und die angekündigten Verschärfungen im Krankheitsfall betreffen insbesondere Frauen, die oft von prekären Arbeitsverhältnissen betroffen sind, die unverzichtbare Care-Arbeit leisten und deren gesellschaftliche und finanzielle Stellung ohnehin häufig benachteiligt ist.
Politische Modelle, die diese Ungleichstellung festigen oder verstärken, sind ein Rückschritt in die Vergangenheit. Solche Entwicklungen führen nachgewiesenermaßen zu einer Zunahme von Armut und Chancenungleichheit, die gravierende Auswirkungen auf die Gesundheit aller hat und besonders Frauen trifft. Politische Systeme, die direkt oder indirekt die Benachteiligung von Frauen verschärfen und die Ausgrenzung fördern, führen immer auch zu einer Zunahme von Gewalt gegen Frauen.
Als Ärztinnen sind wir laufend mit den traumatischen Folgen von häuslicher und sexueller Gewalt gegen Frauen konfrontiert und wissen, wie massiv und anhaltend die Beeinträchtigungen auf die körperliche und psychische Gesundheit sind. Umso wichtiger ist eine Unterstützung jener Bereiche, die Frauenrechte und Frauengesundheit schützen. Dazu gehört der unbedingte Schutz des Rechts auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Dazu gehört die Förderung der Erforschung von und der Arbeit an frauenspezifischen medizinischen Fragestellungen. Dazu gehört der Ausbau von Opferschutzeinrichtungen, von psychosozialen Einrichtungen, von Kinderbetreuungseinrichtungen. Etwaige Kürzungen in all diesen Bereichen gefährden das Leben und die Gesundheit von Frauen.
Als Ärztinnen blicken wir in einer Doppelrolle – als Medizinerinnen und als Frauen – mit großer Sorge in die Zukunft. Wir sehen uns in der Verantwortung, eine gleichberechtigte Gesundheitsversorgung sicherzustellen und stellen uns daher gegen Wissenschaftsfeindlichkeit, Anfeindungen und Frauenfeindlichkeit.
Wir rufen alle Akteurinnen und Akteure im Gesundheitswesen, in der Politik und in der Zivilgesellschaft auf, sich gemeinsam mit uns im Sinne einer gerechten Gesundheitsversorgung in einer gleichberechtigten Gesellschaft gegen polemische, menschen- und frauenfeindliche Politik zu stellen, für einen systematischen Abbau struktureller und sozialer Ungleichbehandlung und Diskriminierung einzustehen und nicht zuzulassen, dass demokratische und gesellschaftliche Errungenschaften verloren gehen.
Im Namen der Organisation der Ärztinnen Österreichs
Dr.in Miriam Hufgard-Leitner, M.Sc.
Dr.in Mag.a Edith Schratzberger-Vécsei
Dr.in Edith Raffer
Priv.Doz.in Dr.in Nilufar Mossaheb, M.Sc.